Von der Schönheit
Vor langer, langer Zeit gingen Herzensgüte und Schönheit Hand in Hand. Aber die Schönheit wollte mehr, wollte Macht, wollte das Schicksal der Menschen lenken – eitle Schönheit! Sie nahm ihren Weg bald allein und scharte neue, willige Diener um sich. Darauf fasste sich die schüchterne Anmut ein Herz und stellte sich der einsamen Güte als Gefährtin zur Seite. Beide wohnten nun zusammen in einer kleinen, warmen Hütte am einen Ende des Regenbogens und waren allen Geschöpfen des Waldes verehrte Freunde und großzügige Gastgeber. Die Schönheit hatte inzwischen ein prächtiges Elfenbeinschloss auf der gegenüberliegenden Seite bezogen und ließ sich den ganzen Tag lang von ihren Lakaien umschmeicheln.
Die zwei Enden des Regenbogens lagen so weit auseinander, dass sich Herzensgüte und Schönheit nie wieder hätten begegnen müssen. Das ahnungslose Treiben der Menschen ließ sie jedoch zu einem ständigen Duell antreten. Meist verlor die Tugend gegen die Eitelkeit – das Unglück der Güte lag in den schlechten Augen der Menschen begründet. Sie vermochten nicht ins Herz anderer zu schauen und ließen sich von Hüllen blenden. Welch Triumph für die Schönheit, welch traurige Schmach für Anmut und Güte.
Doch es gab sie und gibt sie noch, die seltenen Begegnungen zwischen den Menschen, bei denen Blendwerk nichts ausrichten kann, bei denen zwei Gütige, Anmutige sich gegenseitig erkennen. Die großen Schriften der Erdenbürger erzählen davon, und im Märchenwald am Regenbogen hört man sie widerhallen.
Frage: Welche schöne Tänzerin bewahrte Anmut und Güte und schlug damit der Eitelkeit ein Schnippchen?